Rede: Moratorium Mathildenhöhe

Mitte August wurden die Bauarbeiten für das geplante Infozentrum für das Welterbe an der Mathildenhöhe gestoppt. Verbunden mit dieser Nachricht offenbarte sich: Chaos. Die Prozesse an der Künstlerkolonie bewertete Uffbasse seit Jahren äußerst kritisch – teils als einzige Fraktion – und begrüßte dementsprechend den Baustopp. Jetzt beginnt die politische Aufarbeitung.

In der Stavo vom 27. August stand die offizielle Magistratsvorlage 2026/0100 zum Baustopp auf der Tagesordnung. Damit verbunden ist auch die seit Jahren von Uffbasse sowie weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren geforderte Offenlegung des Masterplans mit Standortuntersuchung „Informationszentrum Welterbe Mathildenhöhe“. Diese Dokumente findet ihr jetzt hier zur Einsicht.

An dieser Stelle findet ihr die Rede von Uffbasse aus der Parlamentsdebatte zu dieser Vorlage. Für Uffbasse ist klar: Das Moratorium, der Baustopp und die jetzt folgende, grundsätzliche Neubewertung aller (Bau-)Pläne und Konzepte rund um das Welterbe Mathildenhöhe sind eine längst überfällige Entscheidung aus Vernunft.

Abseits von Kosten in Millionenhöhe, die aus dem Ruder laufen, werden jetzt etliche ernsthafte Missstände in Bezug auf Konzeption und Verantwortung deutlich. Diese gilt es jetzt gründlich aufzuarbeiten, um im Anschluss eine neue, vernünftige Perspektive für das Welterbe zu entwicklen.

Hinweis: In der Stavo-Sitzung musste die Rede aus Zeitgründen gekürzt werden. An dieser Stelle findet ihr die vollständige Fassung der Rede.

Rede von Uffbasse zum Moratorium an der Mathildenhöhe

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher, meine Damen und Herren,

Diese Vorlage ist nicht nur ein Moratorium für ein Bauprojekt. Sie ist auch eine schonungslose Aufarbeitung dessen, was bei diesem Projekt über Jahre schiefgelaufen ist.

Eines möchte ich gleich vorwegsagen: Die Entscheidung für das Moratorium ist ausgesprochen mutig und wir zollen dieser Entscheidung auch Respekt.

Es wäre mit Sicherheit einfacher gewesen, dieses Projekt einfach weiterzuführen. Natürlich muss sich auch Hanno Benz die Frage gefallen lassen, warum es bis zu diesem Moratorium drei Jahre gedauert hat. Fairerweise muss man aber auch sagen, er hat ein parlamentarisch mit überwältigender Mehrheit beschlossenes Projekt, das noch im februar 2026 erneut von der Stadtverordnetenversammlung bei der Abstimmung zu unserem Antrag von der Stavo bestätigt worden war von seinem Vorgänger übernommen.

Den Mut zu haben, sich nochmal unter Berücksichtigung aller Fakten die Karten zu legen und dann zu dem Ergebnis zu kommen, dass die bisherigen Grundlagen eine Fortsetzung des Projekts in dieser Form nicht mehr tragen, das ist die Übernahme von politischer Verantwortung für die Stadt.

Und das Problem ist nicht, dass dieses Projekt jetzt überprüft wird. Das Problem ist, dass es nicht schon viel früher überprüft wurde.

Und da können wir ganz früh anfangen, zu zeiten Jochen Partschs und Ludger Hünnekens, die uns über Jahre hinweg erzählt haben, die UNESCO verlange ein Besucherzentrum für den Welterbetitel.

Die Magistratsvorlage selbst bezeichnet diese frühere Darstellung als fachlich problematisch, weil damit eine politische und planerische Entscheidung wie ein externer Sachzwang dargestellt wurde. Das ist schon ein ziemlich bemerkenswerter Satz.

Und deshalb muss man heute auch über die Verantwortung des damaligen Oberbürgermeisters Jochen Partsch reden.

Spätestens 2021, als die UNESCO den Standort des geplanten Informationszentrums bemängelte, hätte er dieses Projekt grundsätzlich auf den Prüfstand stellen müssen.

Dies ist nicht geschehen, stattdessen wurde einfach nahezu vollständig neu geplant.

Und das Projekt, das einmal mit gut sechs Millionen Euro begonnen hatte, liegt heute bei rund 21 Millionen Euro. Und trotzdem fehlte bis heute das Entscheidende: ein belastbares Vermittlungskonzept.

Das muss man sich wirklich einmal vorstellen. Wir stimmen hier in diesem Haus wiederholt über das Informationszentrum ab. Wir stimmen Räumen für 400 Personen zu, und es ist nicht geklärt: Was wollen wir eigentlich wem vermitteln? Wie viele Personen kommen denn überhaupt?  Welche Zielgruppen wollen wir denn erreichen? Welche Angebote brauchen diese Menschen? Was muss denn tatsächlich in einem Raum stattfinden? Was kann digital sein? Was kann dezentral stattfinden?

Und für mich stellt sich auch die Frage, wir haben ein Institut Mathildenhöhe. Wir haben ein Welterbe Büro. Wir haben einen Welterbe Beirat. Wir haben Darmstadt Marketing.

Wer war denn eigentlich für dieses Vermittlungskonzept zuständig?

In der Vorlage steht, dass es im Institut Mathildenhöhe an der notwendigen pädagogischen Expertise gefehlt habe. Hätte das Institut Mathildenhöhe diese pädagogische Expertise in all den Jahren nicht irgendwo finden können?

Und warum ist über all diese Jahre in all diesen Gremien niemand auf die Idee gekommen, dass man ein Vermittlungskonzept braucht, bevor man ein Gebäude für 21 Millionen Euro plant?

Das organisatorische Chaos geht ja noch weiter.

Ich habe in meiner Rede zu unserem Antrag Ende 2025 zur Abplanung des Informationszentrums gesagt, der ehemalige Ob Jochen Partsch habe über Jahre gelogen mit der Behauptung, dass die UNESCO ein Informationszentrum fordert. Das hat er ja ganz entschieden dementiert.

Und nach dem Lesen dieser Magistratsvorlage bin ich mir auch nicht mehr so sicher, ob er gelogen hat oder ob er nicht vielleicht einfach die Übersicht über eines der wichtigsten und teuersten Projekte seiner Amtszeit verloren hatte. Weil, Ende 2023 lässt der neue Oberbürgermeister Hanno Benz die Strukturen untersuchen.

Und was findet er? 28 Einzelprojekte rund um die Welterbestätte, verteilt auf verschiedene Ämter und Eigenbetriebe.

Bei der Heinrich-Jobst-Treppe ist das eine Amt für die Treppe zuständig und ein anderes für die Pergolen darauf.

Beim Albin-Müller-Becken sind mehrere Stellen beteiligt.

Bei einem Brunnen waren Brunnen, Mauer und Sandsteinplatten zugeordnet – und für die davorliegende Mosaikfläche offenbar niemand.

Wenn man diese Vorlage liest, fragt man sich irgendwann nicht mehr, warum manches nicht funktioniert hat. Man fragt sich eher, wie überhaupt irgendetwas funktionieren konnte.

Und deshalb, ja, Vielleicht hat Jochen Partsch nicht gelogen. Vielleicht hatte er einfach selbst nicht mehr den vollständigen Überblick über eines der wichtigsten und teuersten Projekte seiner Amtszeit gehabt. Dann reden wir allerdings über erhebliche Management- und Steuerungsfehler. Und ich finde, wir sollten sehr genau aufarbeiten, wie es zu einem solchen Missmanagement kommen konnte.

Und wenn mich jemand fragt, bist du jetzt glücklich, dann kann ich nur sagen, nein, ich bin nicht glücklich darüber, wie das alles gelaufen ist. Ich war erst am Wochenende auf der Mathildenhöhe und die Baugrube sieht schlimm aus.

Und schlimm ist für mich auch, dass der Osthang noch im Februar, vor der Kommunalwahl geräumt und die Fläche gerodet wurde. Ein Kulturort und ein Biotop, für dessen Erhalt wir bereits 2021 immer wieder Anträge gestellt haben, musste weichen.

Und es tut mir echt im herzen weh, wie sehr zum Einen der OHA e.V., der die Fläche kulturell bespielt hat jahrelang unter einer Grün-Schwarzen-volt Stadtregierung Zermürbt  wurde, nur um dann doch gehen zu müssen und dass noch Anfang dieses Jahres in dieser Stadt junge Menschen, die meisten von ihnen junge Menschen aus Darmstadt, polizeilich vom Gelände geholt wurden, weil sie das gemacht haben, von dem vermutlich  jede und jeder von uns sagen würde, das es richtig ist, nämlich alten Baumbestand schützen, eine grüne Oase vor der Versiegelung bewahren und darüber hinaus für den Erhalt eines der letzten Kulturorte für junge Menschen in der Innenstadt kämpfen.

Da kann einem nur das Herz bluten.

Trotzdem sind wir froh über das Moratorium. Weil lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Wir haben bereits 2024 beantragt, zu prüfen, ob die Welterbevermittlung in bestehenden Gebäuden, zum Beispiel in einer der Jugendstilvillen, untergebracht werden kann. Uns wurde damals von Michael Kolmer entgegengehalten, das sei längst geprüft worden und die Villen seien ungeeignet. Heute sieht man: Geprüft wurde im Grunde nur, ob diese Häuser in ein bereits festgelegtes, sehr großes Raumprogramm mit Veranstaltungssaal, Gastronomie und Shop passen. Die eigentliche Frage hätte aber lauten müssen: Welche Form der Welterbevermittlung brauchen wir überhaupt – und lässt sich diese in vorhandenen Gebäuden umsetzen?

Und ich möchte noch an eine Debatte aus dem Jahr 2024 erinnern. Wir haben damals beantragt, den Neubau zu stoppen und ernsthaft zu prüfen, ob die Welterbevermittlung in vorhandenen Gebäuden, zum Beispiel in einer der Jugendstilvillen, untergebracht werden kann.

Uns wurde damals von Michael Kolmer hier entgegengehalten: Das sei alles längst geprüft worden, die Villen seien nicht geeignet.

Auch diese Aussage sieht heute etwas anders aus.

Ja, bestehende Gebäude wurden betrachtet. Aber offensichtlich vor dem Hintergrund eines bereits festgelegten, sehr großen Raumprogramms – mit Veranstaltungssaal für 400 Leute, Gastronomie, Shop und weiteren Funktionen, einem Raumprogramm, dem noch nicht mal ein Nutzungskonzept gegenüberstand.

Und wenn man natürlich einfach festlegt, dass man 1500 Quadratmeter braucht, ohne ein Konzept für eine Welterbevermittlung zu haben, das ist so eine Jugendstilvilla natürlich schnell zu klein. Die eigentliche Prüfung wäre ja aber gewesen, welche Welterbevermittlung braucht es und ist diese in einer der Jugendstilvillen möglich?

Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang das Haus Deiters. Wir hatten dieses Gebäude bereits 2024 ausdrücklich als mögliche Alternative genannt.

Heute steht dort auf der Klingel unter anderem ‚Institut Mathildenhöhe‘ und ‚Kulturreferat Welterbe‘.

Ich weiß nicht, wie groß die dort tatsächlich genutzten Büroflächen sind, aber wenn historische Gebäude des Welterbe Ensembles für Verwaltungsarbeitsplätze genutzt werden, dann wären das möglicherweise einige der exklusivsten Büros Deutschlands. Da könnte man fast überlegen, ob man einmal dem Bund der Steuerzahler eine Führung anbietet.

Aber im Ernst: Der größte Denkfehler, der bislang beim Welterbe Mathildenhöhe gemacht wurde ist, dass es immer nur um die Frage geht, wie kriegen wir den Titel und wo bauen wir das Informationszentrum?

Die wichtigste Frage wäre gewesen: Was brauchen Menschen eigentlich, wenn sie auf die Mathildenhöhe kommen?

Viele Menschen kommen wegen der Architektur, des Ensembles, des Parks und des Hochzeitsturms auf die Mathildenhöhe. Aber wenn man dort ein bisschen Zeit verbringen will, merkt man schnell, wie wenig zugänglich der Ort eigentlich ist: Man kann über das Gelände laufen, hat im Grunde ein Café zur Auswahl und steht bei den meisten historischen Häusern vor verschlossenen Türen. Wer irgendwo hineinmöchte, landet am Ende entweder im Museum Künstlerkolonie oder im Ausstellungsgebäude.

Wir haben einen wunderschönen Ort, aber wir machen ihn den Menschen unnötig schwer zugänglich.

Genau deshalb müssen wir neu darüber nachdenken, was Besucherinnen und Besucher vor Ort eigentlich brauchen. Welterbevermittlung kann heute zu einem großen Teil digital funktionieren. Vor Ort braucht es aber Räume und Angebote, die man tatsächlich erleben kann: vielleicht einen Bereich im Ausstellungsgebäude für Welterbevermittlung oder einen historischen Foto-Punkt, an dem man Kleidung des 19 Jh. anziehen kann, vielleicht eine Nutzung des Wasserreservoirs als Bar, vielleicht ein aufgewertetes Museum Künstlerkolonie.

Auch die Jugendstilvillen im städtischen Besitz sollten so weit wie möglich für die Öffentlichkeit geöffnet werden. Bei aller Sympathie und Wertschätzung für die Akademie für Sprache und Dichtung sollte man beispielsweise zumindest prüfen, ob zumindest das Erdgeschoss des Hauses Glückert öffentlich zugänglich gemacht werden kann.

Und dann brauchen wir schlicht mehr Aufenthaltsqualität: einen Eisstand, eine Bar, einen Imbiss und längere Öffnungszeiten des Cafés. Das kann man kulturpolitisch banal finden, aber so funktionieren attraktive Orte nun einmal.

Auch das Osthang-Grundstück sollte künftig eine starke kulturelle Nutzung ermöglichen. Der Jugendstil war selbst Rebellion gegen das Gewohnte, der Versuch, Kunst, Architektur und Alltag neu und freier zu denken. Diesen Geist würde ich mir auch für den Osthang wünschen: mit wechselnden kulturellen Angeboten und Raum für Initiativen.

Der untere Teil mit seinen Grünstrukturen sollte dagegen als ruhiger Ort zum Ankommen und Durchatmen erhalten bleiben. Ein paar Bänke, Schatten, Grün, mehr braucht es dort gar nicht.

Parallel kann aus meiner Sicht die personelle Verantwortung nicht von vorneherein ausgeklammert werden. Philipp Gutbrod begleitet den Welterbeprozess seit vielen Jahren und hat heute eine zentrale Rolle auf der Mathildenhöhe. Auch seine Rolle muss ergebnisoffen betrachtet werden. Ich sage ausdrücklich nicht, dass er allein verantwortlich ist, aber ihn von der Aufarbeitung praktisch auszunehmen, halte ich für falsch.

Abschließend möchte ich noch sagen: Für mich ist dieses Moratorium vor allem eine überfällige Entscheidung aus Vernunft.

Aber man darf sich da nichts vormachen: Wenn wir nicht gleichzeitig noch Sanierungsbedarfe von rund 15,5 Millionen Euro auf der Mathildenhöhe hätten, wenn die Kosten des Informationszentrums nicht von ursprünglich sechs auf rund 21 Millionen Euro gestiegen wären und wenn die finanziellen Spielräume der Stadt größer wären, dann wäre dieses Projekt wahrscheinlich weitergelaufen.

Umso wichtiger ist, dass wir jetzt die Chance nutzen, endlich nicht mehr von einem fertigen Gebäude aus zu denken, sondern von der Frage, was die Mathildenhöhe als Welterbe, die Besucherinnen und Besucher des Welterbes und vor allem aber auch die Darmstädterinnen und Darmstädter, die diesen Ort besuchen, tatsächlich brauchen. Vielen Dank.

 

Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

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