Antrag und Rede: Erhalt des Kulturbiotops OHA Osthang

Antrag für die Stadtverordnetenversammlung vom 14.12.21:

Erhalt des Kulturbiotops OHA Osthang

Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen, der Magistrat wird aufgefordert,

  • Verbindliche Vereinbarungen zum langfristigen Erhalt des Kulturortes OHA Osthang sowie der angrenzenden Grün- und Freiflächen, insbesondere in Richtung Fiedlerweg, zu treffen. Bei der Standortbestimmung des geplanten Besuchszentrum Mathildenhöhe sind diese Flächen auszusparen.

Begründung: 

Das an der Spitze des Osthangs, direkt in der Kurve des Olbrichtwegs geplante Besuchszentrum muss neu positioniert werden. Die Unesco stellte klar: als Neubau dürfe das Zentrum nicht in dieser Nähe zum historischen Ensemble errichtet werden. Bis zum 01.02.2022 muss eine Neukonzeption nachgereicht werden.

Nachdem bereits die ursprüngliche Planung den Betrieb und den Erhalt der Kulturstätte OHA Osthang zu gefährden schien, fordern wir, dass jegliche Neuplanungen für das Besuchszentrum nicht zu Lasten des OHA Osthangs sein dürfen. Diesen gilt es als beliebten und etablierten Raum für junge, unabhängige, unkonventionelle und unkommerzielle Kultur unbedingt zu erhalten und zu fördern.

Der OHA Osthang gestaltet sich seit seiner Formierung 2014 als besonders lebhafter Kulturort. Mit offenem Charakter lädt das Team zu Partizipation ein und schafft so für viele Darmstädter*innen nicht nur die Möglichkeit Kultur zu erleben, sondern auch aktiv mitzugestalten. Das Programm ist niedrigschwellig konzipiert und ermöglicht bei freiem Eintritt breite Teilhabe unabhängig des Einkommens. Design, Kunst, Architektur, Film, Tanz, Theater, Konzert, Workshops oder Fotografie – all das findet am OHA Osthang Raum und Publikum.

Die vielen Aktiven des Projekts, die in eigener Leistung das Areal in Stand halten und Inhalte konzipieren, kooperieren regelmäßig mit verschiedensten weiteren Kultur-Akteuren und Zivilgesellschaftlichen Projekten wie zum Beispiel Staatstheater Darmstadt, Essbares Darmstadt, Foodsharing Darmstadt.

Es wäre paradox, wenn für einen Titel zur Anerkennung historischer Kulturbemühungen und  dem Bau des Besuchszentrums, dieser immens wertvolle Kulturort gefährdet wird.

Wir bitten um wohlwollende Prüfung unseres Antrags.

Vielen Dank.

Kerstin Lau, Marc Arnold, Sebastian Schmitt, Carmen Stockert, Till Mootz

 

Rede von Kerstin Lau zu diesem Antrag und zum Antrag Mindeststandards für touristische Besuche am Welterbe Mathildenhöhe

Wir erinnern uns alle an den legendären Nachmittag, an dem „wir“ Welterbe wurden: es war der 24.Juli 2021 gegen 15.30 Uhr.

An diese Entscheidung war die Bedingung der Unesco geknüpft, dass das Besucherzentrum nicht in der geplanten Nähe zum historischen Ensemble errichtet werden dürfe. Trotz eines gültigen, bestehenden Parlamentsbeschlusses, der Magistratsvorlage 2020/305 und dem Bebauungsplan 032 vom 16. Oktober 2020  sagte der OB sagte diese Änderung eigenmächtig zu. Das Besucherzentrum muss nun also an anderer Stelle gebaut und bis zum 01.02.2022 eine neue Planung vorgelegt werden.

Ich will jetzt gar nicht in Frage stellen, ob der OB das Recht hatte, diese eigenmächtige Entscheidung, die einen Parlamentsbeschluss einfach so aushebelte und zuwiderläuft, zu treffen, auch wenn das durchaus einer Überlegung wert wäre.

Wichtiger ist für uns aber, dass das Gebiet des Kulturortes OHA Osthang sowie der angrenzenden Grün-und Freiflächen, insbesondere in Richtung Fiedlerweg, erhalten bleibt. Dort ist ein kulturelles Kleinod entstanden, das als beliebter und etablierter Raum für junge, unabhängige, unkonventionelle und unkommerzielle Kultur erhalten bleiben muss.

Es sind genau solche Orte wie der OHA Osthang, die eine Stadt liebenswert machen. Und es gibt keine adäquate Alternativfläche in der Stadt.

Es wäre paradox, wenn für historische Kultur dieser wertvolle Kulturort zeitgenössischer Kultur zerstört würde. Das steht uns nicht zu. Wir bitten deshalb darum, das geplante Besucherzentrum an einem anderen Standort als dem OHA Osthang anzusiedeln.

Gehen wir noch einmal zurück zu diesem denkwürdigen Tag, als wir Welterbe wurden. Die prognostizierten Menschenmassen von fast 3.000 (genau: 2.700) Besuchern pro Tag, also 1 Million Gäste pro Jahr lassen auf sich warten. Und das ist auch gut so, muss man ehrlicherweise sagen.

Denn obwohl mit Hochdruck an der Hochzeit gearbeitet wurde, hat man irgendwie vergessen, die Braut herzurichten. Auf der Mathildenhöhe quellen morgens die Mülleimer über, es gibt keine Informationstafeln und Wegweiser, noch nicht mal Fahrradständer sind vorhanden. Als wäre es nicht schlimm genug, dass überall Bauzäune rumstehen.

Dazu kommt, dass die nötigen Personalressourcen fehlen, um relevante touristische Angebote sicherzustellen. Auch die Führungen im Museum Künstlerkolonie als einzigem zentralem Anker Ort müssten bis zur Fertigstellung der Sanierungen im Ausstellungsgebäude ausgeweitet werden.

Uns war der Welterbe Titel nie wichtig, aber nun, da wir ihn haben, sollten wir auch alles tun, um ihm gerecht werden.

Besucher*innen des Welterbes sind vor allem mit Mängeln konfrontiert. Und wir haben Angst, dass sich dieses negative Bild schnell in der Welt verbreiten wird. Durch negative Online-Reviews in sozialen Medien könnten sowohl Reiseveranstalter*innen als auch Individualreisende nachhaltig von einem Besuch der Mathildenhöhe abgeschreckt werden. Und diese Kritiken bekommt man nie mehr aus dem Netz. Deshalb fordern wir, dass der Magistrat unverzüglich einen Mindestandard für touristische Besuche unseres Welterbes herstellt, damit alle Anreisenden, ob per Auto oder Rad, Vergnügen an der Besichtigung der Mathildenhöhe haben.

 

Foto: OHA Osthang

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