Die Mathildenhöhe ist Welterbe – und nun?

Es ist kein Geheimnis: Die Weltkulturerbe-Bewerbung der Mathildenhöhe war nie unser Ding. Gegen die Bewerbung, das Verfahren und die Auswirkungen argumentieren wir stets sachlich und entschieden – und waren dabei teilweise die einzige Fraktion in der StaVo, die opponierte.

Der Widerstand gegen die Bewerbung darf dabei nicht als mangelnde Wertschätzung für die Mathildenhöhe verstanden werden. Die Besonderheit des Ortes und die weitreichende kulturelle Relevanz sind nicht von der Hand zu weisen. Entsprechend muss die Mathildenhöhe auch gewürdigt und gepflegt werden – dazu braucht es jedoch keine Richtlinien und Vorgaben der Unesco. Hierzu hätte sich unsere Kommune auch selbst verpflichten können.

Durch die Anerkennung als Welterbe vergibt die Stadt jegliche eigene Gestaltungsmöglichkeit innerhalb eines festgelegten Umkreises um die Mathildenhöhe. So dürfen zum Beispiel auf einer Fläche von über 86.000 Quadratmetern rund um die Mathildenhöhe keine Solaranlagen mehr auf Dächern installiert werden (Ausnahme: Flachdächer). Dieser Vorgabe steht das städtische Ziel, bis 2035 klimaneutral zu werden, deutlich entgegen.

Die Anerkennung als Welterbe ist ein Titel. Ein teurer Titel. Bislang hat die Stadt 40 Millionen Euro in das Vorhaben „Anerkennung zum Welterbe“ gesteckt. Millionen Steuergelder für Prestige auszugeben, während für relevante Dinge – zum Beispiel einer vollen Tarifbindung der in kommunalen Betrieben Beschäftigten – die finanziellen Mitteln fehlen, lehnten und lehnen wir entschieden ab.

Nach zehn Jahren ist das Verfahren jetzt zum Abschluss gekommen: Die Künstlerkolonie gilt offiziell als Unesco-Weltkulturerbe, das mittlerweile 1.121 Stätten rund um den Globus, 50 in Deutschland und sieben in Hessen listet.

So steht nun die Frage im Raum: Der Titel ist da, was folgt? Wie wirkt sich der Titel auf das Leben in Darmstadt aus, wie auf Mobilität und Tourismus? Unmittelbare Auswirkungen sind bisher überschaubar, auch weil die Mathildenhöhe derzeit einer Großbaustelle gleicht und die Sanierungsarbeiten noch weit ins Jahr 2022 reichen werden.

 

 Besuchszentrum und Osthang

Das an der Spitze des Osthangs, direkt in der Kurve des Olbrichtwegs geplante Besuchszentrum muss neu positioniert werden. Die Unesco stellte klar: als Neubau dürfe das Zentrum nicht in dieser Nähe zum historischen Ensemble errichtet werden. Bis zum 01.02.2022 muss eine Neukonzeption nachgereicht werden.

Nachdem bereits die ursprüngliche Planung den Betrieb und den Erhalt der lebhaften Kulturstätte OHA Osthang zu gefährden schien, fordern wir, dass jegliche Neuplanungen für das Besuchszentrum nicht zu Lasten des OHA Osthangs sein dürfen. Diesen gilt es als beliebten und etablierten Raum für junge, unabhängige und unkonventionelle Kultur unbedingt zu erhalten und zu fördern (unsere Forderung hierzu wurde auch schon von der Presse aufgegriffen).

Der OHA Osthang ist eine wundervolle Symbiose aus Natur und Kultur. Es wäre paradox, für einen Titel zur Anerkennung historischer Kulturbemühungen einen aktuell gelebten und geliebten Kulturplatz zu zerstören. Ebenso erhaltenswert ist der östliche Teil des Hangs, der am Fliederweg abschließt. Grüner Wildwuchs und Bäume sind hier zu finden. Im eng urbanen Stadtbild eine Rarität und wertvolle innenstädtische Naturfläche. Unverzüglich müssen daher verbindliche Vereinbarungen zum langfristigen Erhalt getroffen werden.

Bei der Neubestimmung des Bauortes sollte daher eine bereits verdichtete Fläche gesucht werden, sodass Bäume, Grün und Lebensraum von Tieren nicht Beton weichen müssen. Anbieten würde sich dabei der Anschluss an eine Park-and-Ride-Anlage von der aus Besucher*innen den Weg zur Mathildenhöhe finden.

 

Mobilität

Der Nordosten Darmstadts leidet unter massivem Verkehrsaufkommen. Hieran gibt es auch in der regierenden Koalition keine Zweifel, die hier ein „sehr hohes Verkehrsaufkommen“ erkennt. Wie durch ein Nadelöhr schieben sich vom Rhönring und der Innenstadt kommend Fahrzeuge auf die Zufahrt zur Bundesstraße 26.

„Darmstadt ist für Besucheranstieg gewappnet“, meint Oberbürgermeister Jochen Partsch in der Presse und verspricht ein „detailliertes Mobilitätskonzept“ zur Entlastung. Die konkrete Ausgestaltung dessen beziehungsweise Pläne mit weitreichender Wirkung liegen bisher jedoch nicht vor.

In Kraft tritt jetzt erst mal nur ein neues Modell der Parkraumbewirtschaftung. Rund um die Mathildenhöhe wird das Parken auf die Dauer von zwei Stunden beschränkt und mit fünf Euro für 30 Minuten verbucht. Für Beschäftigte der umliegenden Kliniken (Alice Hospital, Elisabethenstift, Darmstädter Kinderklinik) ein Schock. Weder sie noch die Leitungen der Kliniken wurden über die Beschränkung der Parkdauer im Vorfeld informiert oder in Gespräche einbezogen. Vor allem für die vielen aus dem Landkreis Einpendelnden fehlen jetzt Parkmöglichkeiten. Alternativen zum Pendeln mit PKW fehlen. Wohnorte der Beschäftigten im Kreis sind teils ganz ohne ÖPNV-Anschluss, neue Parkhäuser der Kliniken für das Personal noch im Bau.

Darüber hinaus wurde nur ein kleiner Shuttlebus-Dienst eingerichtet. Dieser bringt Interessierte vom Darmstadium aus, über den Ostbahnhof, direkt an den Olbrichweg an die Mathildenhöhe. Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ein attraktives Angebot (sonntags ist die Fahrt übrigens kostenfrei). Wer jedoch zu Fuß unterwegs ist, erreicht den Hochzeitsturm mitunter jedoch schneller.

Die Zone der neuen Parkraumbewirtschaftung | Grafik: Wissenschaftsstadt Darmstadt

 

Tourismus 

Womöglich erübrigt sich die Notwendigkeit für das Mobilitätskonzept jedoch auch. Den Versprechungen und Erwartungen für den örtlichen Tourismus, die von Befürworter*innen der Bewerbung ins Feld geführt werden, stehen harte Realitäten gegenüber.

Jährlich eine Million Gäste erwartet die Stadt künftig an der Künstlerkolonie. Das entspricht einem Zuwachs von einem Drittel an touristischen Besuchen. An der Grube Messel, die 1995 in die Unesco- Welterbeliste aufgenommen wurde, konnten die erhofften Besucher*innenzahlen nie erreicht werden. 40.000 Gäste pilgern jährlich an die Fossillagerstätte – als vor zehn Jahren dort das neue Besuchszentrum eingeweiht wurde, rechnete das Land Hessen mit 100.000 Gästen pro Jahr.

„Die Hotel- und Gastronomiebranche, aber auch unser Messebetrieb im Darmstadtium werden hierdurch einen deutlichen Zuwachs erfahren. Ich bin mir auch sicher, dass die Unternehmen sich von diesem Erfolg und den historischen Impulsen der Mathildenhöhe Darmstadt inspirieren lassen“, prognostiziert Oberbürgermeister Jochen Partsch in einem aktuellen Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Bei solch überschwänglichen Versprechungen zwingen sich Zweifel nahezu auf. Und das nicht nur bei uns als politischem Kontrahent. Sogar die Branche selbst zeigt sich wenig beflügelt!

Reserviert wird Christine Friedrich, Südhessenchefin des Bundesverbandes Dehoga (Deutsche Hotel- und Gaststättenverband e.V.) im Darmstädter Echo zitiert: „Allheilmittel wird aber auch der Welterbe-Titel nicht.“ Vielmehr werde es eine große Herausforderung sein, um Tourist*innen nach dem Besuch der Mathildenhöhe auch zu einer Übernachtung zu bewegen. Ihr Kollege Frank Koch, Direktor des Hotels Best Western, reagiert ebenfalls verhalten und wertet den Titel nur als „stillen Werbefaktor“.

Die Entwicklungen rund um die Mathildenhöhe gilt es daher weiterhin mit Skepsis zu beobachten. Werden sich die Hoffnungen erfüllen oder doch als wenig seriös offenbaren? Was meint Ihr?

 

Titelfoto: Lapping on Pixabay

 

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