Zweifelhafter ehrenkodex in der darmstädter tafel

Ein artikel in der frankfurter rundschau gestern hat uns zu einer stellungnahme genötigt, die wir uns, was diese einrichtung angeht nicht vorstellen konnten. Es ist eines, bestimmte personen auszugrenzen, wenn diese sich nicht an regeln halten, die das funktionieren eines reibungslosen ablaufes dieser einrichtung behindern.

Es ist aber etwas anderes, eine ganze personengruppe pauschal als ehrenwidrig zu bezeichnen und auf dieser auch noch öffentlich herumzutrampeln.

Im anschluss der FR artikel vom 21.4.09 („Die Armut wächst: Eine neues Gemüsehaus für die Tafel“)  und unsere presseerklärung dazu……!

 Pressemitteilung/Stellungnahme:

„Jeder braucht immer noch jemanden weiter unten zum Treten“

Wir sind erschrocken über die Aussage der Vorsitzenden der Darmstädter Tafel Frau Doris Kappler in der FR vom 21.4.2009 in dem Artikel von Eva Marie Stegmann. Dort wird von einer Prostituierten mitgeteilt, es sei ihnen von Leuten der Tafel verboten worden, dort zu essen. Dies wird von Frau Kappler mit dem Satz bestätigt: „So arm die Leute, die zu uns kommen sind, einen gewissen Ehrenkodex haben sie.“

Wir sind uns sicher, dass dies nicht die persönliche Meinung von Frau Kappler sein kann, die sich seit Jahren außerordentlich stark sozial engagiert und ohne deren permanenten Einsatz die Situation für arme Menschen in unserer Stadt deutlich schlechter wäre.

Sie spricht jedoch (wahrscheinlich unbeabsichtigt) ein großes Problem an: In einer Gesellschaft, in der nur noch Leistung und Wohlstand zählen, scheint jeder jemanden zu brauchen, auf den er heruntersehen und dem er Verachtung und Ablehnung statt Verständnis zukommen lassen kann. Selbst Menschen, die für große Teile der übrigen Gesellschaft nach üblichen Maßstäben ganz unten angekommen sind und eigentlich ein Gefühl für Ausgrenzung und das Versagen von sozialen Sicherungssystemen haben sollten, fallen auf diesen Mechanismus herein.

Von einer Einrichtung wie der Darmstädter Tafel erwarten wir jedoch, dass sie sich entschieden gegen eine solche Haltung stellt und die Betroffenen mit allen Mitteln versucht zu integrieren bzw. bei den ausgrenzenden Besuchern aufklärerisch tätig ist.

  • Es kann keinen „Ehrenkodex“ geben, der Prostituierte oder irgendeinen anderen Menschen von einem Essen oder einer Einrichtung ausschließt.

Diese Frauen ernähren oft ganze Familien mit ihrem Beruf – daran kann bestimmt nichts “Ehrrühriges” sein. Solange es Männer gibt, die für Prostituierte bezahlen, solange wird es auch Prostitution geben. Dies ist aber keine “Entwürdigung” für die Prostituierten, sondern zeigt die Abgründe einer patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen trotz allem Fortschrittes immer noch deutlich benachteiligt sind! Es ist also vielleicht möglich, Prostituion abzulehnen, nicht aber Prostitutierte.

Deshalb gilt: Der Einzige Ehrenkodex, der in einer Einrichtung wie der Darmstädter Tafel vorfindbar sein darf, muss der sein, ALLEN Menschen die Hilfe benötigen, diese auch zukommen zu lassen. Sonst wird vermeintliche Ehre zu Schande.

Jörg Dillmann    Fraktionsvorsitzender
Jürgen Barth      Stadtverordneter
Kerstin Lau      Stadtverordnete      
Julius Geibel      Stadtverordneter
Alexander Nebhuth    Stadtverordneter

3 Kommentare

  1. FR 21.4.2009
    Eine neues Gemüsehaus für die Tafel

    Die Armut wächst – das zeigt die Anzahl der ausgegebenen Essen

    Von Eva Marie Stegmann

    In dem 25 Quadratmeter großen Raum stapeln sich grüne Kisten voller Auberginen, Äpfel, Ananas und Avocados. Es riecht frisch gestrichen und nach Holz im neuen Gemüsehaus auf dem Gelände der Darmstädter Tafel. “Endlich können wir unser Gemüse richtig lagern”, sagt Doris Kappler, die Vorsitzende der Darmstädter Tafel. Bisher war es im Eingangsbereich untergebracht. Unhygienisch und nicht gerade einbruchsicher.

    Das neue Gemüsehaus lässt sich abschließen, ist sauber und gut durchlüftet. Finanziert wurde es komplett über Spenden an den gemeinnützigen Verein.

    “Die Unterstützung der Bürger ist das, was die Tafel am Leben hält”, sagt Kappler. Es geht nicht nur um die finanziellen Zuschüsse von privater und städtischer Seite und um die Nahrungsspenden großer Supermärkte. Kappler meint vor allem auch die Arbeit von knapp 30 ehrenamtlichen Helfern. Seit 1995 besteht die Darmstädter Tafel und ist eine von 800 Tafeln deutschlandweit.

    Allein 2008 haben die Mitarbeiter 17 000 Mittagessen für einen Beitrag von jeweils 50 Cent ausgegeben. Im Vergleich dazu waren es 2006 nur 12 500. “Für uns ein Erfolg, doch für die Lage der Bedürftigen ist es furchtbar”, sagt Kappler. Denn die steigenden Zahlen sind vor allem eines: ein Indikator für wachsende Armut.

    Verarmung kann allen passieren

    “Durch Massenarbeitslosigkeit und schlechte Hartz IV-Gesetze wird das Problem größer und größer”, sagt Stadtrat und Sozialdezernent Jochen Partsch (Grüne). Dass Bürgerinitiativen wie die Tafel versuchten, das Problem aufzufangen, sei erfreulich, doch eigentlich sei das Aufgabe des Staates. “Die Tafel ist eine Reaktion auf nicht ausreichende Armutsbekämpfung”, sagt er.

    Die neuen Hartz IV-Gesetze seien schuld daran, so der Sozialdezernent, dass Armut jedem – nicht nur den unteren Schichten – drohen könne. “Vor allem für ehemaligen Mittelschichtler ist es eine Überwindung zur Tafel zu kommen”, sagt Kappler. Denn das sei die Öffentlichmachung der eigenen Armut. Zur Tafel darf nämlich nur, wer auf staatliche Unterstützung angewiesen ist.

    Im Falle der Tafel beginnen diese wenige Meter vor dem Hauseingang – an der Ecke Bismarck-/Feldberstraße: Zwei Frauen stehen dort, abgemagert, sie sehen von weitem fast wie Kinder aus. Wären da nicht die tiefen Falten in ihren Gesichtern. “Auch wir bekommen Hartz IV”, sagt die Prostituierte Linda K. “Doch die Leute von der Tafel haben uns verboten, dort zu essen.” Doris Kappler bestätigt dies: “So arm die Leute, die zu uns kommen, sind, einen gewissen Ehrenkodex haben sie.”

  2. ausse frankfurter rundschau vom 22.4.09

    http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/darmstadt/1730632_Darmstaedter-Tafel-Kein-Essen-fuer-Prostituierte.htmlDarmstädter Tafel

    Kein Essen für Prostituierte

    VON EVA MARIE STEGMANN

    Eine Aussage von Doris Kappler, Vorsitzende der Darmstädter Tafel, zieht Kreise: Mit dem Satz „Das ist ein bestimmtes Klientel, das wir nicht wollen“ hatte Kappler gegenüber der Frankfurter Rundschau erklärt, warum die Prostituierten vom Straßenstrich in der Kirschenallee nicht in der Einrichtung für Bedürftige essen dürfen.

    „Wir sind über diese Aussage erschrocken“, schreibt die linksalternative Fraktion Uffbasse dazu in einer Presseerklärung. „In einer Gesellschaft, in der nur noch Leistung und Wohlstand zählen, scheint jeder jemanden zu brauchen, auf den er heruntersehen und dem er Verachtung und Ablehnung statt Verständnis zukommen lassen kann. Es darf keinen Ehrenkodex geben, der Menschen von einem Essen ausschließt.“ Gerade von der Darmstädter Tafel erwarte die Fraktion, dass sie Betroffene integriere.

    Der gemeinnützige Verein gibt von Montag bis Freitag für 50 Cent Mittagessen an Bedürftige aus. Dazu zählen Menschen, die auf Unterstützung des Staates angewiesen sind, und Obdachlose.

    „Wir bekommen auch Hartz IV, was sollen wir denn nun machen?“, fragt eine der Prostituierten. Anfangs konnte auch sie zur Tafel kommen: „Als wir eröffneten, durften die Damen hier essen oder mal einen Kaffee trinken“, sagt Ursula Summer, Wirtschafterin bei der Darmstädter Tafel. Dann sei es aber zu Einbrüchen gekommen, die Prostituierten hätten die Toiletten massiv mit Dreck und Spritzen verschmutzt und sich nach Kundenkontakten dort immer wieder frisch gemacht. „Ein Normalbürger kann nicht mehr auf die Toilette, wenn da vorher so jemand drauf war“, sagt Summer.

    Neben den Frauen sei ein weiteres Problem das Klientel, das sie anzögen, sagt Summer, nämlich: Zuhälter, Freier und Kleindealer. In die Darmstädter Tafel würden jedoch viele Mütter ihre Kinder mitbringen. Summer: „Es ist unzumutbar, dass die mit Prostituierten und ihren Freiern zu Mittag essen sollen.“ Sie wolle niemanden ausschließen, sagt die Tafel-Vorsitzende Kappler. „Aber das passt einfach nicht.“

    Nicht über einen Kamm scheren

    Wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt – das unterstützt auch der Uffbasse-Fraktionschef Jörg Dillmann. Aber: „Man darf nicht alle Prostituierten über einen Kamm scheren und so einen ganzen Stand diskriminieren.“ Sinnvoller sei es, nur den Frauen Hausverbot zu erteilen, die wiederholt auffielen. Sicherlich gebe es auch Alkoholiker, die gemaßregelt würden, sagt Dillmann. „Doch werden deswegen alle von ihnen per se ausgeschlossen?“

    Auch der CDU-Stadtverordnete Peter Mayer ist der Meinung, die Tafel solle nicht mit zweierlei Maß messen.

    Dem Sozialdezernenten Jochen Partsch (Grüne) ist das Problem bekannt, dass die Straßenprostituierten keine Toiletten oder Räume zum Frischmachen haben. Ein runder Tisch arbeite derzeit an einer Lösung.

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