Initiative „Osthang bleibt“

Fragen: Initiative Osthang bleibt
Thema: Informationszentrum, Förderung von „Sub- und Popkultur“, Orte der Demokratie

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1. Sehen Sie die Errichtung eines Informationszentrums in Form eines Neubaus an der Mathildenhöhe als zwingend notwendig an, oder halten Sie alternative, weniger invasive Lösungen (z. B. Nutzung bestehender Gebäude, digitale Angebote, dezentrale Information) für ausreichend oder sogar besser geeignet? Bitte begründen Sie Ihre Position.

Die UNESCO fordert eine nachhaltige Vermittlung des Welterbes, nicht zwingend einen Neubau an einem bestimmten Standort. Vermittlung kann digital, dezentral oder im baulichen Bestand erfolgen. Die Entscheidung für einen Neubau ist daher eine politische, keine völkerrechtliche Notwendigkeit.

Wir halten einen Neubau an der Mathildenhöhe nicht für zwingend erforderlich. Bereits frühzeitig haben wir beantragt, bestehende Gebäude für die Wissensvermittlung zu nutzen – etwa Räume im darmstadtium oder eine historische Villa im Umfeld der Mathildenhöhe – sowie digitale und dezentrale Formate ernsthaft zu prüfen.

Angesichts der sensiblen Lage und einer Investitionssumme im zweistelligen Millionenbereich mit langfristigen Folgekosten halten wir es für verantwortungsvoll, Alternativen im Bestand zu verfolgen. Die Mathildenhöhe ist bereits heute ein touristischer Anziehungspunkt. Ob ein zusätzliches Gebäude in dieser Form tatsächlich neue Besucherströme generiert, ist nicht belegt.

In der politischen Debatte wurde über Jahre hinweg der Eindruck erweckt, die UNESCO verlange zwingend den Bau eines Besucher- bzw. Informationszentrums an dieser Stelle. So heißt es etwa in der Magistratsvorlage 2020/305: „Wichtiger Baustein ist ein von der UNESCO verlangtes Besucherzentrum …“. Diese Darstellung ist aus unserer Sicht irreführend. Die UNESCO fordert eine angemessene Vermittlung des Welterbes – nicht einen bestimmten Bautyp und nicht zwingend einen Neubau am Osthang. Viele Welterbestätten erfüllen diesen Auftrag heute erfolgreich digital, dezentral oder im baulichen Bestand.

Die Behauptung einer zwingenden Neubau-Vorgabe hat die Debatte über alternative Lösungen aus unserer Sicht unnötig eingeengt.

 

2. Wie bewerten Sie die Investitions- und Folgekosten eines Informationszentrums im Verhältnis zu anderen kommunalen Aufgaben (z. B. Schulen, Klimaanpassung, Wohnraum, Kulturförderung)? Würden Sie das Projekt priorisieren oder zurückstellen? Bitte gehen Sie auf die genannten Beispiele und deren Priorisierung ein.

In der öffentlichen Diskussion wird häufig darüber gestritten, ob die städtische Investitionssumme am Ende 16 oder 20 Millionen Euro beträgt. In der Gesamtbetrachtung ist dieser Unterschied jedoch nicht entscheidend. Maßgeblich sind die langfristigen Folgekosten für Betrieb, Personal und Unterhalt, die über Jahrzehnte aus dem laufenden Haushalt finanziert werden müssen.

Externe Zuschüsse von Merck und dem Land Hessen reduzieren zwar die Anfangsinvestition, verändern jedoch nichts an den dauerhaften Belastungen für den städtischen Haushalt. Gleichzeitig ist die bestehende Infrastruktur in vielen Bereichen sanierungsbedürftig – von Schulen und Sporthallen über Vereins- und Verwaltungsgebäude bis hin zu Straßen und Radwegen. Auch soziale Projekte stehen unter Druck, während Kinderarmut in Darmstadt real ist und konkrete Unterstützung erfordert.

In dieser Situation halten wir es für politisch falsch, zusätzliche dauerhafte Kosten zu schaffen, statt zunächst den bestehenden Sanierungsstau konsequent abzubauen und soziale Prioritäten zu stärken. Ein energetisch optimierter Neubau ersetzt nicht die Frage nach finanzieller und struktureller Nachhaltigkeit.

Nach öffentlich bekannten Angaben lag die durchschnittliche Besucherzahl der Mathildenhöhe zuletzt deutlich unter den prognostizierten Erwartungen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die geplante Dimensionierung des Informationszentrums angemessen ist und ob Kosten und Nutzen in einem tragfähigen Verhältnis stehen.

Die aktuell postulierte Idee eines „Kulturzentrums“ durch die Grünen mag attraktiv erscheinen. Nach aktuellem Planungsstand umfasst das Gebäude jedoch im Wesentlichen einen Empfangsbereich, eine Ausstellungsebene zur Welterbestätte sowie einen Veranstaltungsraum. Die Bezeichnung als Kulturzentrum weckt Erwartungen, die durch die konkrete Flächen- und Raumplanung bislang nicht gedeckt sind.

 

3. Welche Bedeutung messen Sie der Förderung von „Sub- und Popkultur“ (z. B. freie Musik-, Kunst-, Jugend- und Clubkultur, temporäre Nutzungen, nichtkommerzielle Formate, konsumzwangfreie Orte, Dritte Orte) in Darmstadt bei, und wie wollen Sie sicherstellen, dass diese Kulturen trotz steigender Kosten, Verdichtungsdruck und repräsentativer Großprojekte ausreichend Raum, Sichtbarkeit und finanzielle Unterstützung erhalten? Inwiefern steht das in Einklang mit dem geplanten Neubau des Informationszentrums?

Sub- und Popkultur sind für uns kein Randphänomen, sondern elementarer Bestandteil einer lebendigen Stadt. Sie schaffen Begegnung, Identität, Teilhabe und kulturelle Innovation, oft niedrigschwellig, selbstorganisiert und generationenübergreifend.

Der OHA Osthang war über viele Jahre ein offener, niedrigschwelliger Kulturort, der unterschiedlichste Menschen erreicht hat. Und das nahezu ohne städtische Zuschüsse (mit Ausnahme eines einmaligen Zuschusses im Jahr 2016). Dieses Beispiel zeigt, welches Potenzial selbstorganisierte Kulturorte für Darmstadt haben können.

Unter steigenden Kosten und wachsendem Verdichtungsdruck brauchen solche Orte Schutz, Sichtbarkeit und verlässliche Perspektiven. Dazu gehören bezahlbare und dauerhaft gesicherte Proberäume und Ateliers, die aktive Ermöglichung von Zwischennutzungen bei Leerständen, faire Rahmenbedingungen für freie Festivals und Initiativen sowie konsumfreie „Third Spaces“, insbesondere für junge Menschen. Kulturpolitik muss hier strategisch Räume sichern, statt sie dem Markt zu überlassen.

Wir setzen uns für eine gerechtere Verteilung kommunaler Kulturmittel ein. Die aktuelle Schere zwischen stark subventionierten Leuchtturmprojekten und freier Szene ist zu groß. Eine lebendige Stadt braucht beides, aber in einem nachvollziehbaren, transparenten und ausgewogenen Verhältnis.

Vor diesem Hintergrund sehen wir repräsentative Großprojekte wie das geplante Informationszentrum kritisch. In finanziell angespannten Zeiten muss Priorität auf der Sicherung und Stärkung bestehender kultureller Infrastruktur liegen. Kulturpolitik darf nicht zu Lasten jener gehen, die mit wenig Mitteln viel kulturelle Vielfalt schaffen.

Für uns ist das auch eine Frage der Generationengerechtigkeit: Während etablierte Institutionen strukturell abgesichert sind, kämpfen junge, selbstorganisierte und nichtkommerzielle Formate häufig um Räume und Anerkennung. Eine lebendige Stadt darf ihre kulturelle Zukunft nicht an den Rand drängen.

 

4.. Sehen Sie in der „Osthang Kultur“ der letzten 10 Jahre einen Mehrwert für die Darmstädter Kulturlandschaft? Und wo sehen Sie Platz für die „Osthang Kultur“ in Darmstadt in Zukunft? Bitte konkretisieren Sie dies anhand von Beispielen oder Maßnahmen

Die Osthang-Kultur der vergangenen zehn Jahre war ein erheblicher Mehrwert für die Darmstädter Kulturlandschaft. Mit freiem Eintritt, niedrigen Hürden und partizipativen Formaten hat der OHA Osthang mitten in der Stadt kulturelle Teilhabe ermöglicht und insbesondere jungen Menschen Raum gegeben. Die zentrale Lage an der Mathildenhöhe war dabei ein entscheidender Faktor für Sichtbarkeit und Zugänglichkeit.

Die Verlagerung an den Stadtrand bedeutet einen deutlichen Verlust an Präsenz und Strahlkraft. Eine lebendige, freie Kultur für junge Menschen gehört ins Zentrum einer Stadt – nicht an den Rand. Dazu gehören zentrale innerstädtische Flächen, unbürokratische Genehmigungsverfahren für temporäre Nutzungen sowie eine verlässliche finanzielle und organisatorische Unterstützung. Ziel muss es sein, dem OHA einen sichtbaren, gut erreichbaren und dauerhaft gesicherten Raum mit langfristiger Nutzungsperspektive zu ermöglichen und ihn als eigenständigen kulturellen Akteur strukturell zu stärken.

 

5. Im Hinblick auf das World Design Capital Jahr 2026 mit dem Titel „DESIGN FOR DEMOCRACY – ATMOSPHERES FOR A BETTER LIFE“, wo auch Darmstadt dazu zählt, wo sehen Sie Orte der Demokratie in Darmstadt?

Orte der Demokratie sind für uns nicht nur Parlamente oder repräsentative Gebäude, sondern gelebte Räume des Austauschs, der Mitgestaltung und der kulturellen Teilhabe. Demokratie entsteht dort, wo Menschen sich begegnen, wo Diskussion möglich ist und wo Engagement sichtbar wird. Orte wie der OHA Osthang haben genau das über Jahre hinweg ermöglicht.

Im Kontext des World Design Capital Jahres bedeutet „Design for Democracy“ für uns, solche offenen und niedrigschwelligen Räume bewusst zu stärken. Eine Stadt gestaltet demokratische Atmosphäre nicht durch Architektur allein, sondern durch zugängliche Kulturorte, konsumzwangfreie Treffpunkte und echte Beteiligungsmöglichkeiten. Diese müssen sichtbar unterstützt und nicht an den Rand gedrängt werden.

 

Credit Titelgrafik: Towfiqu Barbhuiya auf Unsplash

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