Einordnung zum Pilotprojekt „Reduktion Modul D“ in der Kinderbetreuung

1. Ziel und Inhalt des Pilotprojekts
Im Zeitraum vom 01.11.2024 bis 30.04.2025 wurde in Darmstädter Kindertageseinrichtungen befristet das sogenannte Modul D reduziert. Dieses ist das längste Betreuungsmodul, das in den Kitas angeboten wird, und umfasst 50 Stunden Betreuung pro Woche. Gebucht wird es von rund 20 Prozent der Eltern.
Als Reaktion auf die sich zuspitzende Situation in der Kitabetreuung entschied man sich in der Trägerkonferenz, die Betreuungszeit in einem Pilotprojekt täglich um eine Stunde auf insgesamt 45 Stunden zu reduzieren, um das Kitapersonal zu entlasten. Die Einrichtungen konnten dabei selbst entscheiden, ob sie ihre Öffnungs- oder Schließzeiten entsprechend anpassen, also ob sie später anfangen oder früher aufhören.
Ziel dieser Maßnahme war es insbesondere,

  • auf den bestehenden Fachkräftemangel zu reagieren,
  • Einrichtungen personell zu stabilisieren,
  • Mindestpersonalstandards besser einhalten zu können,
  • sowie Fachkräfte physisch und psychisch zu entlasten.

Hintergrund ist eine bundesweit angespannte Personalsituation in der Kinderbetreuung. Nach Einschätzungen aus dem Fachaustausch fehlen bundesweit zehntausende Fachkräfte. Auch in Darmstadt sind Stellen unbesetzt, Krankheitsstände überdurchschnittlich hoch und Personalressourcen dauerhaft angespannt. Immer häufiger stehen Eltern vor kurzfristigen Einschränkungen der Betreuungszeiten oder sogar vor geschlossenen Einrichtungen. Das Pilotprojekt sollte daher erproben, ob reduzierte Betreuungszeiten zu mehr Stabilität im System beitragen können.

2. Wahrnehmung durch die Träger
In verschiedenen Ausschusssitzungen und Trägerkonferenzen wurde das Projekt aus Sicht der Träger (u. a. AWO, ASB, evangelische und städtische Kitas) rückgemeldet und eingeordnet. Dabei wurden insbesondere folgende Punkte berichtet:

  • Die Reduktion der Wochenzeiten wurde ausdrücklich auch mit dem Ziel eingeführt, das Personal zu entlasten. Dieses Ziel scheint nach den Rückmeldungen erreicht worden zu sein. Fachkräfte fühlten sich durch die Maßnahme sowohl physisch als auch psychisch spürbar entlastet.
  • Es wurde von geringeren Krankmeldungen berichtet.
  • Ebenso wurde geschildert, dass es weniger Unterschreitungen der Mindestpersonalstandards gegeben habe.
  • Teilweise wurde auch wahrgenommen, dass Abläufe in den Einrichtungen verlässlicher geworden seien.

Diese Effekte sind auch strukturell nachvollziehbar:
Viele Fachkräfte wählen den Beruf bewusst auch wegen planbarer und familienkompatibler Arbeitszeiten. Verlängerte Öffnungszeiten bedeuten hingegen häufig Schichtsysteme bis in den späten Nachmittag, die personell sehr aufwendig sind und die Vereinbarkeit mit dem eigenen Familienleben erschweren.
Hinzu kommt, dass in den Randzeiten häufig nur sehr wenige Kinder betreut werden – teilweise ein bis drei –, die dennoch vollständig personell abgedeckt werden müssen. Diese Konstellation bindet Personalressourcen, die im Tagesverlauf an anderer Stelle fehlen.
Durch die Reduktion entstanden für Fachkräfte wieder stärker planbare Arbeitszeiten sowie zeitliche Spielräume für pädagogische Vor- und Nachbereitung. Auch vor diesem Hintergrund erscheinen geringere Krankheitszeiten und eine höhere Zufriedenheit im Team plausibel.
Gleichzeitig wurde von einigen Eltern zurückgemeldet, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf  in einzelnen Fällen schwieriger geworden sei. Diese Belastungen wurden benannt, standen jedoch neben den beschriebenen Entlastungseffekten im System.
Die Rückmeldungen der Träger zeichneten somit insgesamt ein differenziertes, in wesentlichen Punkten jedoch positives Bild hinsichtlich der Systemstabilität.
Trotz dieser Rückmeldungen wurde das Pilotprojekt vorzeitig – noch vor dem eigentlichen Ende am 30.04.2025 – beendet.
Dies hat uns überrascht. Die Berichte aus den Trägerstrukturen und die politische Entscheidungslage ließen sich für uns nicht schlüssig übereinanderlegen.
Auch der politisch beschriebene breite Widerstand der Eltern war für uns nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, wenn nur rund 20 Prozent der Eltern dieses Modul überhaupt nutzen.
Aus direkten Gesprächen mit Eltern erhielten wir zudem ein gemischtes, teils sich veränderndes Bild: Nach anfänglicher Skepsis wurde durchaus berichtet, dass Betreuung verlässlicher geworden sei und kurzfristige Schließungen seltener auftraten. Kritik gab es häufig eher an der konkreten Lage der gekürzten Stunde, also ob diese morgens oder nachmittags entfiel.

3. Ergebnis unserer Großen Anfrage
Vor diesem Hintergrund haben wir nach der angekündigten Evaluation des Modellprojekts gefragt, in der Erwartung, dass ein Pilotprojekt selbstverständlich systematisch ausgewertet wird, um eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Die Anfrage mit den Antworten der Stadt findet ihr unten.
Die Antworten der Verwaltung zeigen:

  • Es gab keine systematische Evaluation des Projekts.
  • Stattdessen wurden einzelne Stimmungsbilder und Rückmeldungen eingeholt.
  • Es fehlten:
    • belastbare Kennzahlen,
    • Vorher-/Nachher-Vergleiche,
    • systematische Datenauswertungen,
    • transparente Fragebögen,
    • quantitative Bewertungen der Rückmeldungen.

Damit existiert keine belastbare Datengrundlage, um die tatsächlichen Wirkungen des Pilotprojekts fundiert zu bewerten.
Gleichzeitig wurde bestätigt, dass während der Reduktion Unterschreitungen des Mindestpersonalbedarfs seltener auftraten – ein möglicher Hinweis auf stabilisierende Effekte, der jedoch nicht vertieft untersucht wurde.

Zusammenfassende Bewertung
Das Pilotprojekt zur Reduktion von Modul D wurde eingeführt, um auf Personalmangel zu reagieren und die Stabilität in den Einrichtungen zu verbessern.
Rückmeldungen aus Trägerkreisen berichten von:

  • Entlastung der Fachkräfte,
  • geringeren Krankheitsausfällen,
  • weniger Personalunterschreitungen,
  • teilweise verlässlicheren Abläufen.

Eine systematische, datenbasierte Evaluation dieser Effekte fand jedoch nicht statt.
Die Entscheidung zur Rückkehr zu den ursprünglichen Betreuungszeiten wurde somit politisch getroffen und zwar ohne eine belastbare und fundierte Auswertung der Pilotphase.
Das ist legitim, sollte dann aber auch entsprechend transparent benannt werden.
Uns geht es ausdrücklich nicht darum, festzulegen, was „richtig“ oder „falsch“ gewesen wäre. Uns geht es darum, dass eine Maßnahme mit so weitreichenden Auswirkungen auf Familien, Kinder und Fachkräfte sorgfältig untersucht wird.
Gerade Eltern wissen am besten, welche Betreuungsmodelle für sie funktionieren und welche nicht. Umso wichtiger wäre eine systematische, breit angelegte Befragung gewesen, die unterschiedliche Lebensrealitäten abbildet.
Denn natürlich gibt es individuelle Notlagen, die besondere Betreuungszeiten erfordern. Diese müssen gezielt gelöst werden.
Wenn jedoch eine moderate Reduktion der Betreuungszeit für einen Großteil der Familien durch weniger Ausfälle, weniger Krankheit und weniger Schließzeiten zu mehr Stabilität im Gesamtsystem führt, dann hätte dieser Effekt zumindest fundiert geprüft werden müssen.

Einordnung im aktuellen politischen Kontext
Vor dem Hintergrund dieser offenen Fragen irritiert uns der aktuelle Wahlkampfslogan „Stabile Betreuungszeiten“.
Stabilität ist ein wichtiges Ziel, für Eltern, Kinder und Fachkräfte gleichermaßen.
Denn wenn politisch mit Stabilität argumentiert wird, stellt sich zwangsläufig die Frage:
Welche Maßnahmen tragen tatsächlich zu mehr Stabilität im System bei?
Die vorliegenden Rückmeldungen aus Trägerstrukturen sowie erste Hinweise zu geringeren Personalunterschreitungen deuten darauf hin, dass bereits eine Reduktion um eine Stunde täglich stabilisierende Effekte haben könnte – etwa durch geringere Krankheitsausfälle, planbarere Personaleinsätze und weniger kurzfristige Einschränkungen.
Ob und in welchem Umfang diese Effekte tatsächlich bestanden haben, wurde jedoch nie systematisch untersucht.
Wenn nun mit „stabiler Betreuung“ geworben wird, ohne diese Zusammenhänge zuvor fundiert geprüft zu haben, halten wir das zumindest für verkürzt dargestellt.
Wir sagen nicht, welche Betreuungszeit am Ende richtig oder falsch ist.
Aber: Wer Stabilität schaffen will, sollte in einem fragilen System sorgfältig evaluieren, welche Maßnahmen Stabilität tatsächlich fördern und welche nicht.

Beantwortung Große Anfrage Fraktion UFFBASSE vom 29.04.2025 betr Anpassung des Moduls D 20250530 DEZII

 

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