Jürgen wird 70 und doch irgendwie nicht

Jürgens manifest:
„Muckt auf! Lacht, wenn ihr protestiert und frech seid.
Das bringt die Schweine um den Verstand und macht euch stark.
Reißt den Wichtigtuern die Maske vom Gesicht – zeigt, wie langweilig sie sind.
Attackiert Lüge, Misstrauen und Beschiss.
Sagt fünfmal am Tag: Brauch ich net. -B.I.N.-
Seid hilfreich und gut. Die Kraft aus Helfen und Gutsein ist unermesslich. Verbreitet Liebe – notfalls mit Hass. Rache in Ausnahmefällen.
Wir wissen, wie nah Glück und Unglück liegen – darum können wir froh und traurig sein.
Uffbasse, uffmucke, grad stehn – und net ducke.“

Hier ein paar zeilen für einen bestdenkbaren, treuen weggefährten, der uns schon weit über 20 jahre begleitet.

Zeilen die unsere zuneigung, achtung und wertschätzung ausdrückern sollen, es allerdings in dem umfang wie wir empfinden nicht vermögen.

Trotzdem:

Erlebt haben wir ihn das erstemal bewusst 1985.
Wir wollten in der bessungerknabenschule ein selbstorganisiertes punkkonzert veranstalten und trafen dort auf ängstlichen aber heftigen widerstand seitens der betreiber.
Aller betreiber???……………………nein!!!!!
da war einer der klasse fand, dass da „junge leute“ etwas neues versuchen und uns auch das notwendige vertrauen entgegenbrachte.
Er setzte sich sehr für uns ein und letztendlich fand das konzert statt.
(Das erste von vielen vielen darauffolgenden.)

Das alles spielte sich zwar vor 23 jahren ab, zeigt aber die offenheit und experimentierfreudigkeit die jürgen bis heute noch lebt.
Ebenso wie sein einsatz neuem eine chance zu geben und sich dafür einzusetzen es wenigstens einmal zu probieren.

Jürgen treibt mit dieser experimentierfreudigkeit und offenheit zwar oftmals seine lebensbegleiter/innen fast in den wahnsinn aber ohne diese (eine von vielen) charaktereigenschaft von jürgen wäre in darmstadt so einiges zum erliegen gekommen oder aber erst gar nicht entstanden.
Das können dutzende von darmstädtern und darmstädter organisationen und initiativen bestätigen.

Jürgen lebt uns leben vor.
Er ist eine tolle mischung aus ernsthaftigkeit und spaß.
Oft wird der tiefsinn hinter seinem gekalauer nicht oder erst lange später bemerkt.
Manchmal wird hinter seinem tiefsinn das gekalauer nicht bemerkt.

Er ist hochintelligent, liebenswert, menschlich aber auch unerbittlich.

Unerbittlich, wenn es darum geht freie strukturen zu erhalten, neues zu schaffen und in seinem einsatz für kinder, jugend, kultur und soziales.

Unerbittlich in seinem kampf gegen großkotzige, überteuerte projekte, die unermesslich und unüberschaubar luft zum atmen und geld zum überleben fressen

Jürgen ist in seiner art einzigartig und unersetzbar.
Wir lieben und schätzen ihn.

Danke für dich
und danke an barbara, die dich lässt wie du bist und dich stützt und mitträgt.

Lieber jürgen auf die näxten 70 jahre!!!!!!!!!!!!!!!!!

Jörg D.

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Im anschluss noch 2 zeitungsartikel von heute:

Darmecho vom 26.7.08

Widerständler aus Passion

Jürgen Barth wird 70: Sein Lebenslauf spiegelt deutsche Nachkriegsgeschichte, auch wenn sein Platz stets am Rand war

„Zum Kampf der Wagen und Gesänge, der auf Korinthus‘ Landesenge der Griechen Stämme froh vereint, zog Ibykus, der Götterfreund. Ihm schenkte des Gesanges Gabe, der Lieder süßen Mund Apoll, so wandert er, an leichtem Stabe, aus Rhegium, des Gottes voll.

“ Friedrich von Schiller, aus: „Die Kraniche des Ibykus“

Jürgen Barth breitet die Arme aus, wie er es beim Reden gerne tut, als er Auszüge aus Schillers Ballade vom erschlagenen Sänger, von Schuld und Sühne im klassischen Theater rezitiert. Das Werk bewegt ihn tief. In 200 Jahren und hunderttausend Deutschstunden sind die 23 Strophen rauf und runter interpretiert worden, aber ob darin jemals ein Gleichnis auf das Schicksal der Alternativkultur erkannt wurde, ist nicht überliefert. Für Barth aber ist die Botschaft klar: „Wer die freie Kulturszene meuchelt, muss mit Rache rechnen.“

So wichtig ist ihm die düstere Prophezeiung, dass er die „Kraniche des Ibykus“ in voller Länge vortragen wird, auswendig natürlich, wenn sich am heutigen Samstagabend vielleicht hundert Gäste, vielleicht auch mehr, in der Bessunger Knabenschule zu seinen Ehren versammeln werden: Der Mitbegründer des dortigen Kulturzentrums und Stadtverordnete feiert dann in seinen siebzigsten Geburtstag hinein.

Jürgen Barth 70 – die Zusammenstellung befremdet. Name und Zahl wollen einfach nicht zueinander passen. Barth ist in Wahrheit ein junger Mann, und zwar ein ganz junger Mann. Nicht nur weil der fettfreie Schlacks bei seiner Geburtstagsfeier vor dem Publikum an einem Seil unters Hallendach klettern will, um das Zusammentreffen von körperlicher und geistiger Fitness zu unterstreichen. Nein, Barth ist auch so idealistisch, begeisterungsfähig, tanzfreudig, unangepasst, autoritätenskeptisch, bockig und ganz und gar unpragmatisch geblieben, wie er es wohl mit 16 oder 17 war, als in der sogenannten Halbstarken-Bewegung der fünfziger Jahre seine Laufbahn der Daueropposition gegen festgefügte Strukturen begann.

In die Wiege gelegt war ihm diese Haltung nicht. Der in Köln geborene katholische Junge, dessen Mutter früh starb, erlebte den Zusammenbruch des Nazi-Reichs und die ersten Jahre des Neubeginns im oberbayerischen Dorf Scheyern, geprägt durch das dortige Benediktinerkloster. Barth lernte in Kassel Autoschlosser, malochte am Fabrikband, holte am Abendgymnasium das Abitur nach und kam 1963 zum Studium nach Darmstadt.

Damit endeten die äußeren, nicht aber die inneren Wanderjahre. Auf dem Spielplan der Bundesrepublik stand nun das Aufbegehren der Studenten, und Barth war als Teil der Spontiszene mittendrin – „Vollzeit-Studentenbewegung“, wie er heute sagt, mit Blickrichtung Frankfurt. Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit und anderen Protestpromis ist er dort begegnet. Und sah sich schließlich an jenem kritischen Punkt, an dem die Bewegung in zwei Flügel zerfiel: den reformistischen, aus dem schließlich die Grünen hervorgingen – und den militanten, Keimzelle der Terrorgruppe RAF.

„Nach der Beerdigung der Anarchisten Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe ist es in Stuttgart zu verschiedenen Zwischenfällen gekommen. Zahlreiche Jugendliche – so Polizeiangaben – wurden festgenmommen. Bei handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Randalierern wurde ein Polizeifahrzeug beschädigt und ein Beamter verletzt.“

Darmstädter Echo,

28. Oktober 1977

„In der Sponti-Bewegung gab es durchaus Sympathie für den bewaffneten Kampf gegen den Kapitalismus, gegen die Schweine“, sagt Barth heute freimütig. „Der Bruch kam durch Mogadischu – als es nur noch darum ging, die Genossen freizubomben, als die RAF nur noch um sich selbst kreiste. Es war eine große Trauer da, dass eine Bewegung, die einen so guten Anfang hatte, so kläglich gescheitert ist. Deswegen war ich auch in Stuttgart bei der Beerdigung von Ensslin, Baader und Raspe.

“ Prompt sei er nach Krawallen als „Rädelsführer“ festgenommen und vor Gericht gestellt worden, erzählt Barth – „völlig absurd, ich hatte eigentlich beruhigen wollen. Das Verfahren wurde nach zwei Jahren eingestellt.

“ Jürgen Barth selbst hatte längst eine andere Richtung eingeschlagen, sich in soziale Projekte gestürzt. Dass er früh den Grünen beitrat, ist im Rückblick ebenso logisch wie sein Hinauswurf aus der Partei vor drei Jahren wegen mehrfachen Abweichens von der Fraktionslinie im Stadtparlament – der einstige Bundestagskandidat hatte die Verlagerung des Drogenzentrums Scentral an den Stadtrand und die Preisgabe des Jugendzentrums Oetinger Villa nicht mittragen wollen.

Die Darmstädter Grünen haben sich seit den achtziger Jahren verändert. Barth nicht. Am Ende gab es hasserfüllte Szenen. Die antiautoritäre Uffbasse-Fraktion hingegen nahm den Doyen der Darmstädter Alternativkultur 2005 mit offenen Armen auf – für den Spätsechziger muss es wie eine Heimkehr gewesen sein. Jetzt betont Barth, wie viel Spaß ihm Pogo-Konzerte von „Kackophonia“ bereiten. Zuhause hört er lieber Brahms.

Die ganz wilden Zeiten sind vorbei, aber die „Schweine“ sind immer noch nicht aus Barths Vokabular verschwunden, denen es die „Maske von Gesicht“ zu reißen gelte – so schreibt der Jubilar in einem „Manifest 70“, seiner Geburtstagseinladung. Hat er vergessen, dass die Schmähung von Menschen als Schweine für die RAF der erste Schritt zur Rechtfertigung ihrer Ermordung war? Die Linksterroristen waren damit dem Vorbild der Nazis gefolgt.

Wer verdient heute diese Bezeichnung? „Das sind die, die sich selbst bereichern, hier und da noch ein Pöstchen im Aufsichtsrat sichern, und die so lange warten, bis ihre Kinder auch noch ein Pöstchen haben.“ In Darmstadt fallen Barth dafür einige Beispiele ein.

„Nervöser Querkopf“, „Berufsjugendlicher“, „intellektueller Zappelphilipp“, „Mann mit der Narrenkappe“ – die Charakterisierungen des Kommunalpolitikers Barth aus dem ECHO-Archiv bleiben über viele Jahre ähnlich, und er trägt es mit Fassung. „Dabei halte ich mich ganz und gar nicht für disziplinlos und sprunghaft“, sagt er. „Dazu möchte ich mal sagen: Ich bin seit 43 Jahren mit meiner Barbara zusammen. Wir haben geheiratet, als alle gegen Heirat waren. Ich wohne seit 35 Jahren in derselben Mietwohnung. Ich habe 25 Jahre lang die Finanzen der Knabenschule gemacht, 20 Jahre lang die Grünen bei jedem Sinn und Unsinn unterstützt. Mein Wäscheschrank ist gut aufgeräumt.

“ Ordnung herrscht auch bei Barths Knöllchen-Sammlung. Seit Jahrzehnten weigert er sich nach eigenem Bekunden, Halteverbote zu beachten, und bezahlt lieber artig die Bußgeldbescheide, die dann gewissenhaft archiviert werden. Jetzt hat er die Sammlung binden lassen: 1500 Seiten in drei Bänden, ein Schmuckstück im Bücherregal – das Werk eines Widerständlers aus Passion, dessen Credo lautet: „Eine Portion Witz sollte immer dabei sein.“

Daniel Baczyk 26.7.2008

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Rundschau vom 26.7.08

Glosse

Ein 68er wird 70

Von Frank Schuster

Geburtstagseinladungskarten sind ein Universum für sich. Auf der einen Seite des unermesslich weiten Spektrums stehen blumenumrankte, omatapetenartige Schöpfpapier-Geschöpfe. Auf der anderen Seite diddlmausige Ausformungen der poppig-bunten Spaßgesellschaft („Viele süße Purzelgrüße!“).

Doch was uns da jetzt ins Haus flatterte, passt in kein Schema. „Manifest 70“ ist die Karte überschrieben. Und weiter geht’s: „Muckt auf! Lacht, wenn ihr protestiert und frech seid. Das bringt die Schweine um den Verstand und macht euch stark. Reißt den Wichtigtuern die Maske vom Gesicht – zeigt, wie langweilig sie sind. Attackiert Lüge, Misstrauen und Beschiss. Sagt fünfmal am Tag: Brauch ich net. Seid hilfreich und gut. Die Kraft aus Helfen und Gutsein ist unermesslich. Verbreitet Liebe – notfalls mit Hass. Rache in Ausnahmefällen. Wir wissen, wie nah Glück und Unglück liegen – darum können wir froh und traurig sein. Uffbasse, uffmucke, grad stehn – und net ducke.“

Nanu, wer hat denn diesen zwischen Punk- und Flower-Power, Datterich- und Spontiwitz changierenden Text geschrieben? Jürgen Barth, der langjährige Geschäftsführer des Kulturzentrums Bessunger Knabenschule, ehemaliger Grünen-, heutiger Uffbasse-Politiker und – wie sein Manifest verrät – ein weiter stark von der 1968er-Revolte geprägter Freigeist. Er wird 70. Herzlichen Glückwunsch!

2 Kommentare

  1. Lieber Juergen, ich hoffe, du hast es richtig knallen lassen gestern! Du bist einer der ganz grossen – love you!
    Alles Gute fuer die naechsten 70 Jahre!!!!

    Kerstin

  2. Uuuuuuuuuuuuuuuund wie er es hat knallen lassen…………..

    kopf:…………ewig langes gedicht vorgetragen…da war sogar der titel so kompliziert, das ich ihn mir – selbst mit meinen frühlingshaften 47 lenzen – ned merken konnte….

    körper:………..das seil ruf und auf den traversen rumgeklettert wie damals johnny weismüller……….

    und mit barbara rock n roll getanzt wie die götter.

    War ne rundum schöne party ohne diese übertriebenen rahmenbedingungen (wie orpulentes buffet)die inzwischen leider für „unentberlich“ gehalten werden.

    Es geht auch so…………..und gut!!!!

    Danke dafür

    der jörg

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