Film: Lip oder die Macht der Phantasie

29.04.2008 21:00 im kommunalen kino weiterstadt
Lip oder die Macht der Phantasie  
Doku-Chronik über die 1973 bis 75 von den Arbeiternselbstverwaltete Uhrenfabrik Lip
Veranstalter: Kommunales Kino Weiterstadt  Von 1973 bis 1975 gelingt den Arbeitern in BesanˆšÃ‰§on ein sozialesExperiment, als sie ihr Konzept von selbstbestimmter undgleichberechtigter Arbeit erprobten, bis die Fabrik zerschlagen wurde.Die Aktivisten von einst melden sich in der spannenden Doku-Chronik zuWort.

Titel: LIP oder die Macht der Phantasie
Originaltitel: Les Lip, L?imagination au pouvoir
Regisseur: Christian Rouaud
Land: Frankreich
Jahr: 2007
Länge: 118 Minuten
Sprachfassung: deutsch

1973 beginnt in der französischen Stadt BesanˆšÃ‰§on ein soziales Experiment. Die renommierte Uhrenfabrik LIP ist in Schwierigkeiten. Nach einem Besitzerwechsel fürchten die Arbeiter um ihre Arbeitsplätze. Aus einem harten Arbeitskampf entwickelt sich das Undenkbare: Zusammen mit den Gewerkschaften beschließen die Arbeiter die Besetzung der Fabrik und übernehmen die Uhrenproduktion in Eigenregie. Ihre Aktion schlägt international hohe Wellen, erfährt aber auch viel Solidarität. Zwei Jahre lang gelingt es ihnen, die Produktion am Laufen zu halten, Konzepte selbstbestimmter und gleichberechtigter Arbeit zu erproben und Entlassungen zu verhindern, bis die Fabrik 1975 zerschlagen wird.

In den sechziger und siebziger Jahren genossen LIP-Uhren in Frankreich einen ausgezeichneten Ruf. Gegründet und zu Weltruhm geführt hatte das Unternehmen ein junger Uhrmacher, Fred Lip, der eine sozial fortschrittliche Lohnpolitik einführte und seine Firma auf dem technologisch neuesten Stand hielt. Les LIP — das bedeutete: Kompetenz, Qualität und Erfolg. Anfang der siebziger Jahre verkennt Fred Lip jedoch die Zeichen der Zeit. Japanische Hersteller haben begonnen, Uhren industriell zu fertigen und kostengünstig auf den Weltmarkt zu bringen. Weil Lip strukturelle Änderungen in der Produktion versäumt, gerät seine Firma in finanzielle Schieflage.

Die Schweizer Uhrenfirma ˆšÃ‰€šÃ„ˆžbauche S.A. übernimmt daraufhin Leitung und Aufsichtsrat von LIP und feuert den Gründer. Aus der berühmten Uhrenmanufaktur soll ein einfaches Montagewerk für den Schweizer Mutterkonzern werden, unter Beibehaltung des prestigeträchtigen Namens LIP.

Als am 17. April 1973 der von ˆšÃ‰€šÃ„ˆžbauche eingesetzte Direktor zurücktritt und sich unter den Arbeiter große Angst um den Arbeitsplatz breit macht, entstehen erste Ideen zum Arbeitskampf. Zunächst fordern die Protestler lediglich Lohnfortzahlungen für alle Werksangehörigen. Als ein Handelsgericht die Einstellung der Lohnfortzahlungen für Juni 1973 beschließt und die Arbeiter von einer Kündigungswelle gegen 480 Mitarbeiter erfahren, beginnen härtere Arbeitskampfmaßnahmen. Die Fabrik wird von den Arbeitern besetzt. Das ruft französische Sicherheitstruppen auf den Plan, die das Werksgelände stürmen und dabei äußerst brutal vorgehen. Die Streikenden beschließen daraufhin, „Uhren als Geiseln“ zu nehmen, und stellen mehrere tausend Chronometer, Konstruktionsdokumente und Maschinen sicher. Von der Presse wird diese Maßnahme mit Sympathie aufgenommen. Sogar der Bischof von BesanˆšÃ‰§on erklärt sich mit den 1300 LIP-Arbeitern solidarisch.

Schnell entsteht die Idee, die Uhrenproduktion unter dem Slogan „Wir fabrizieren, wir verkaufen und wir bezahlen uns selbst“ in die eigene Hand zu nehmen — mit großem Erfolg: Nach sechs Wochen übertreffen die Verkaufszahlen die vorherige Bilanz eines halben Jahres. Die Frage, nach welchen Kriterien die Streikenden diesen Gewinn als Arbeitslohn gerecht unter sich verteilen sollen, wird in Versammlungen intensiv diskutiert. In Aktionskomitees werden kreative soziale Konzepte entwickelt und dabei auch über die Stellung der Frauen zwischen Familie und Arbeitsleben nachgedacht. In welchem Verhältnis sollen gesellschaftliche Arbeit, Familien- und Erziehungsarbeit, Leistung, Hierarchie und die eigentliche Werksarbeit zueinander stehen, und wie kann man diese gerecht bewerten?

Für einen Moment scheint es möglich, dass die Selbstverwaltung der Arbeiter zum Vorbild einer neuen, intensiv gelebten Demokratie werden könnte. Menschen aus ganz Europa reisen nach BesanˆšÃ‰§on, um ihre Solidarität zu zeigen und sich vor Ort zu informieren. Die französische Regierung unter Giscard d’Estaing und Jacques Chirac fürchtet schließlich, dass die Entwicklung bei LIP das gesamte Sozialsystem Frankreichs infizieren könne, und zerschlägt die Bewegung der LIP-Arbeiter und ihr Werk in mehreren Anläufen.

Der Dokumentarfilm von Christian Rouaud erteilt den Aktivisten von damals das Wort. Ihm gelingt eine dichte und spannende Chronologie der Ereignisse, die von den Protagonisten so detailreich und gewitzt erzählt wird, als wäre sie gestern passiert. Für die Beteiligten waren die breite Solidarität in der Bevölkerung und das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Streikenden prägende Erfahrungen, die bei vielen in ihrem heutigen Engagement nachwirken.

2 Kommentare

  1. Guude
    und noch ne info von heise (für die loitz die bei indy misstrauisch sind):

    Strike-Bike als Marke
    Peter Nowak 02.10.2007

    Eine kleine Fahrradfabrik in Thüringen, die geschlossen werden sollte und von den Arbeitern nun als selbstverwalteter Betrieb fortgeführt wird, hat eine erfolgreiche Kampagne starten können
    Eine kleine Fahrradfabrik im thüringischen Nordhausen fand Aufmerksamkeit in Griechenland, Ungarn und den USA und schafft einen Nachfrageboom bei Fahrrädern. Die 135 Mitarbeiter des Zweigwerks der Firma Bike-Systems in Thüringen können wieder Hoffnung schöpfen, ihre Arbeitsplätze zu behalten, seit sie mit Unterstützung der kleinen anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter-Union auf die Idee kamen, ein Strike-Bike zu produzieren. Von einen überwältigenden Erfolg des Aufrufs sprechen die Arbeiter und ihre Unterstützer jetzt. Dabei waren die Arbeiter vor wenigen Monaten eher verzweifelt als optimistisch.

    Als sich abzeichnete, dass es für die Firma keine Investoren gab, besetzten die 135 Beschäftigen das Werk am 10. Juli 2007. Für sie stand viel auf dem Spiel. Die Arbeitslosigkeit in der Region ist hoch.. Die Fabrik war 1986 als VfB IFA Motorenwerk gegründet worden und hatte nach der Wende unterschiedliche Eigentümer.

    Nach längeren finanziellen Problemen wurden zum 22.12.2005 die Werke Neukirch-Sachsen mit knapp 230 Mitarbeitern und die Fabrik in Nordhausen-Thüringen von einer Tochtergesellschaft des US-amerikanischen Finanzinvestor Lone Star mit dem Ziel gekauft, diese fit für den Weltmarkt zu machen. Schon wenige Wochen später war klar, dass eine der beiden Firmen aus Rentabilitätsgründen geschlossen werden wird. Am 30.Juni wurde bekannt gegeben, dass das Nordhausener Werk davon betroffen war. Bei Verhandlungen zwischen den Vertretern der Arbeitnehmer und der Geschäftsführung sollte es nur noch darum gehen, wie das Werk am schnellsten und günstigsten abgewickelt wird. Die Forderungen der Beschäftigten waren moderat. Sie wollten die Aufstellung eines Sozialplans, die Einrichtung einer Auffanggesellschaft und die Prüfung von Möglichkeiten zum Erhalt der Arbeitsplätze durchsetzen.

    In der Fabrik gab es keine wahrnehmbaren gewerkschaftlichen Strukturen. Das dürfte das Management zum dem Fehlschluss verleitet haben, bei den Verhandlungen mauern zu können. Statt zumindest Kompromissbereitschaft vorzutäuschen, beantragte die Geschäftsleitung die Räumung des Werk, das von der Belegschaft im Rahmen einer Betriebsversammlung seit dem 10.Juli besetzt gehalten wurde. Zwar demonstrierten alle politischen Kräfte mit den Beschäftigten Solidarität, doch nur die FAU machte mit dem Projekt Strike-Bike einen konkreten Vorschlag für einen Weiterbetrieb. Ein Aktivist schilderte den Kontakt zwischen Belegschaft und der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft so:

    „Kaum jemand dort kannte die FAU, einige wussten zumindest grob, was der Anarchosyndikalismus ist. Doch unser konkreter Vorschlag wurde mit dem Kommentar aufgegriffen: Lasst es uns probieren. Wir haben nichts mehr zu verlieren.“

    Die Tatsache, dass DGB-Gewerkschaften in dem Werk nicht Fuß fassen konnten, hatte die pragmatische Zusammenarbeit mit der FAU sogar erleichtert. Denn durch feste DGB-Strukturen wird in der Regel sehr streng darauf geachtet, dass Konkurrenten von links dort gar nicht erst Fuß fassen können. Dazu werden mitunter auch Verbote und andere administrative Maßnahmen angewandt. Die Arbeiter in Nordhausen haben sich hingegen immer gegen jegliche Bevormundung von Parteien und Gewerkschaften gewandt.

    Traum von der Arbeiterselbstverwaltung

    Die Aktivisten der FAU haben allerdings jetzt in der Belegschaft Achtung gewonnen, weil sich ihre Initiative „Strike-Bike“ als erfolgreich erwies. Schon knapp eine Woche nach dem Aufruf gab es ca. 1500 Bestellungen aus der ganzen Welt. Es ist schon erstaunlich, dass Menschen, die wahrscheinlich noch nie von Nordhausen gehört haben, ein Fahrrad zum stolzen Preis von 275 Euro ordern. Der Grund ist das Konzept der selbstverwalteten Produktion, das seit dem kurzen Sommer der Anarchie in Spanien 1936 viele Anhänger gefunden hat, obgleich seither alle Versuche immer nur kurzlebig waren, wie bei der auch international bekannten Uhrenfabrik Lip in Frankreich Anfang der 70er Jahre.

    In letzter Zeit sorgten selbstverwaltete Fabriken in Argentinien und Venezuela für Aufmerksamkeit. Wie in Nordhausen ging es in allen Beispielen immer um existentielle Nöte der Beschäftigten, in deren Werke niemand mehr investieren wollte. Doch die Selbstverwaltung sorgte bald auch für einen Bewusstseinswandel bei den Betroffenen, wie es sich beispielsweise bei der argentinischen Kachelfabrik Zanon zeigte. Ob den Nordhausener Fahrradwerkern genügend Zeit bleibt, damit sich die selbstverwaltete Arbeitsweise auch auf die Beziehungen der Beschäftigten auswirkt, ist noch offen. Selbst die Unterstützer gehen zunächst davon aus, dass die Produktion bis zum Jahresende weiter läuft.

    Ob es dann weitergeht, wird auch davon abhängen, ob die Marke Strike-Bike eine Marke wird, für die die Kunden bereit sind, mehr Geld auszugeben. Bisher klappt das kontinuierlich bei Brandings wie Nike, Adidas etc. Nichtregierungsorganisationen versuchen schon seit Jahren umweltverträgliche Produktion oder fairen Handel zu einer Marke zu machen, für die es sich lohnt, mehr Geld auszugeben. Beim Bio-Label ist das ansatzweise gelungen. Nun muss sich zeigen, ob die selbstverwaltete Produktion zu einem ebenso erfolgreiches Kundenlabel werden kann. Dann könnte die kleine Fahrradfabrik in Nordhausen sogar eine Pilotfunktion erfüllen.

    http://www.strike-bike.de

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